Schulkonzerte… warum?

„Schulkonzerte macht ihr? Ihr fahrt in die Schulen? Warum? In den Schulen gibt es doch Musikunterricht? Zum Konzert muss man in ein Konzerthaus gehen, sonst ist es doch kein Konzerterlebnis! Zum Konzert muss man sich schön anziehen, muss lernen, sich in so einem Haus zu benehmen und auch Ehrfurcht zeigen vor dem Gehörten… und ihr spielt in Turnhallen!“

So etwas hören wir oft. Wir fragen uns dann, wie das wohl gemeint ist? Wahrscheinlich eher abwertend unserem Vorhaben gegenüber und „dem Denkmal klassische Musik huldigend“, oder?

Was wir wollen: Wir wollen von Musik und ihren Machern erzählen, wie sie wahrscheinlich lebten in ihrer Zeit, was damals rings um sie vor sich ging, wie sie mit und durch ihre Musik lebten, in welchem Umfeld sie lebten, was sie vielleicht mit ihrer Musik aussprechen wollten (sofern man das heute noch nachvollziehen kann), was sie mit ihrer Musik vielleicht bewegten oder auch nicht bewegten, welchen Eindruck sie bis heute mit ihrer Musik hinterlassen… wir wollen die Geschichten rings um „unsere“ Musik, die uns bis heute reich überliefert ist, erzählen und den Kindern näher bringen. Fast immer hören sie gespannt zu und versuchen die Details, die wir dazu erzählen, zu „erhören“.

Was wir nicht wollen: Das Denkmal „klassische Musik“ weiterhin verglorifizieren und beweihräuchern, indem wir strenge äußere Regeln in ihrem Umgang einfordern, sie dadurch auf eine elitäre Ebene hieven. Wir wollen niemanden zwingen, uns zuzuhören (bis jetzt ist es uns zum Glück noch nicht vorgekommen, dass uns jemand nicht zuhören wollte und störte). Wir wollen auch keinen Musikunterricht in den Schulen geben (und dazu sind unsere Programme auch nicht da), wir schaffen Anfänge, Verbindungen, vertiefen Gelerntes auf unkomplizierte Weise, wollen Zugänge schaffen, Neugierde wecken.

Wir verstehen uns als Erweiterung zum Musiklehrstoff, als Brücke ins „MusikERleben“ oder „Neugierkitzler“ für Groß und Klein. Oft kommen Lehrer oder Eltern, die als Begleitperson dabei waren, hinterher zu uns und erzählen uns, wie bereichernd für sie selbst unsere dargebotene „Musikzeit“ war, wie schön es war, dass wir einfach erzählen und spielen. Die Kinder löchern uns mit Fragen, meist nach den Sachen, die ganz banale Dinge im Leben der Komponisten betreffen. Durch das Verknüpfen mit oft musikfernen, alltäglichen Dingen, die ja zwangsläufig auch im Leben der von uns heute hochverehrten Komponisten, vorkamen, holen wir die Musik wieder auf unsere eigene Ebene. Wir setzen nicht voraus, dass man ehrfürchtig zuhört und von vornherein weiß, mit welch kostbaren Heiligtümern (zu denen klassische Musik oft verklärt wird) man es da zu tun hat, sondern wir möchten, dass die Kinder/Erwachsenen dem nachspüren, was man hören kann und sich dann ihren eigenen Weg zu klassischer Musik bahnen und sie diese Musik hören, wann und wo und wie sie es immer möchten. Irgendwann kommen sie in die Konzertsäle und wollen auch die Musiker/Komponisten von heute kennenlernen. Aber erst müssen wir zu den Kindern gehen. Sie kommen nicht von allein. Ganz nebenbei bemerkt fehlt an vielen Schulen (vor allem auf kleinen Dörfern) Geld, Zeit und Kraft für lange Fahrten ins nächste Konzerthaus, wo dann eine Massenveranstaltung stattfindet, bei der sich die Kinder dann schlecht auf die Musik konzentrieren, weil der Ort ungewohnt ist und vielleicht der äußere Rahmen erst einmal einschüchternd ist. In kleinen Gruppen und an den Kindern bekannten Orten (Aula oder Turnhalle) kann man ganz anders agieren (4-6 Klassen á 28 Schüler sind auch viele Kinder, aber am für sie gewohnten Ort sind sie einfacher zu begeistern). Die Lehrer sind viel entspannter, der Schultag wird nicht lang unterbrochen, Begleitpersonal ist oft nicht erforderlich. Manche Eltern fragen, ob sie mitkommen dürfen, vor allem bei unseren „Wiederholungsbesuchen“ – wir werten das dann immer als Erfolg! 🙂

Eine kleine Episode am Schluss: Eine meiner Flötenschülerinnen sagte mir einst auf meine Frage, ob sie nicht mal jenes Stück von Mozart spielen wolle: „Ach, lieber nicht, ich mag Klassik nicht so gern, lieber was Modernes.“ Ich stutzte sehr, denn vor kurzem hatte sie begeistert zwei kleine Sonaten von Johann Baptist Vanhal (ostböhmischer Komponist, ähnliche Zeit) gespielt und daher fragte ich sie, woher plötzlich ihr Geschmackswandel käme. Da schaute sie mich nun etwas verdutzt und sagte, sie hätte doch noch nie „so was Klassisches gespielt, wieso sie das jetzt solle! Die Erwachsenen erzählten außerdem immer von Mozart und Beethoven, wenn sie Klassik meinen und manchmal würde ihr dabei sehr langweilig sein!“ (ihre Miene verzog sich so, dass ich ahnte, wovon sie sprach). Nun schaute ich etwas ungläubig, musste allerdings auch sehr schmunzeln und erklärte ihr die Zusammenhänge. Da sagte sie: „Ach so! Ja dann…“ Wenn ihr das als Instrumentalschüler schon so geht, wie wird es da dann erst Kindern gehen, die niemals selbst Zugang zu klassischer Musik haben (und dennoch sicher Erzählungen darüber aufschnappen)?

Aus diesen von uns Erwachsenen aufgeschnappten Vorurteilen bauen sich Kinder ihre eigene Welt zusammen. Die kleine Geschichte mit meiner Schülerin wirft vielleicht ein gutes Bild darauf, wie wir (ja, ich meine alle, mich eingeschlossen) oft von „Klassik“ oder klassischer Musik erzählen: Zu ernst, zu abgeklärt, unabänderbar festgelegt, lehrplanmäßig abfragend, denkmalsgleich huldigend… muss das wirklich sein? Ist uns dafür die Musik nicht eigentlich zu schade?

Heute platzte in unsere Probe die Nachricht hinein, dass die Stundenanzahl der Fächer Sport, Kunst und Musik an den Schulen gekürzt werden soll, um dem Lehrermangel in Sachsen entgegenzuwirken. Ob das ein richtiger Weg sein wird? Gerade in diesen Fächern werden Kulturtechniken vermittelt, die oft nonverbal erfolgen, die ein ganz anderes Wahrnehmungsvermögen schulen als alle anderen Fächer. Der Unterricht in diesen Fächern fördert freies Denken und Kreativität, schult andere Denkmuster, fordert andere Fähigkeiten. Werden wir es uns leisten können, auf all das nahezu zu verzichten? Oder wird es nun endgültig Aufgabe der Eltern, ihre Kinder in diesen Fähigkeiten zu schulen? In vielen Familien gehört der Musikschulbesuch der Kinder dazu, aber es gibt auch viele Regionen, in denen Musikschulen nicht zur „Grundausstattung“ des Dorfes/der Stadt gehören und auch wenige Instrumentallehrer wohnen. Immer öfter werden Kinder schräg angesehen und als Außenseiter bezeichnet, wenn sie ganz selbstverständlich Umgang mit Musik jeglicher Epoche oder Herkunft pflegen, weil sie ein Instrument spielen lernen und fast täglich dafür üben. Und obendrein ist es ein wesentlicher Unterschied, ob ein Kind ein Instrument lernt oder guten Musik/Kunst/Sportunterricht in der Schule hat, der einen groben Überblick über den Reichtum dieser Kulturlandschaft gibt. (Ja, ich nehme Sport da mit hinein, denn um ein Instrument gut spielen zu können, erfordert es gute körperliche Voraussetzungen, Kondition und Reaktionsvermögen, alles rein sportlich zu erwerbende Eigenschaften.)

Wie wird sich eine Kürzung dieser Fächer auswirken? Wir wissen es nicht. Es ist schon jetzt traurig, in Schulen zu kommen, wo Musik und Kunst kaum unterrichtet werden und wenn unterrichtet wird, manchmal von fachfremden Lehrern, die einfach nur singen (besser als nichts). Viele Kinder haben noch nie live gespielte, klassische Musik gehört, sagen oft: „Das war schön, ich würde auch gern so etwas lernen, aber hier kann man das nicht.“ Natürlich gibt es auch von vornherein Vorurteile: „Klassik. Laaaangweilig!“ „Schulkonzert? Still sitzen? Dooooof!“ „Ein Lied singen? So ein´s mit Text und Tralala? Wie peinlich!“, aber das ist eine laute Minderheit. Sehr oft bleiben viele Kinder nach den Konzerten wissbegierig staunend stehen… und dann ruft oft die drängende Lehrerstimme: „Soooo, Klasse x, wir gehen jetzt wieder ins Klassenzimmer, bitte an der Tür sammeln!“

Ein Schulkonzert von uns (oder vielen anderen Gruppen) kann nur Ergänzung sein, niemals Musikunterricht ersetzen. Dennoch ist es wichtig, dass man dafür Konzepte und Zeit hat. Wir bleiben dabei!

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